Wednesday, September 8, 2010

Die Entmannung unserer Sprache

Die Entmannung unserer Sprache
Der Spiegel, 08.09.2010

Ist unsere Sprache sexistisch? Werden Frauen durch Wörter wie
"Studenten", "Besucher" und "Fußgänger" diskriminiert? Müssen wir das
Deutsche einer Geschlechtsumwandlung unterziehen? Einige Bürokraten
verlangen dies tatsächlich, vor allem in der Schweiz.

Als ich am vergangenen Freitag in der Zeitung blätterte, blieb ich an
einem Artikel über Amtsstubendeutsch hängen und habe mich prompt an
meinem Kaffee verschluckt. Darin wurde über die Arbeit einer Schweizer
Nationalrätin berichtet, die sich seit Jahren energisch dafür
einsetzt, die Amtssprache so geschlechtsneutral wie möglich zu
gestalten.

Mit Erfolg, wie sich zeigte. Denn in diesem Sommer hat die Stadt Bern
einen "Sprachleitfaden für die Stadtverwaltung" herausgebracht, der
die Vermeidung geschlechtsspezifischer Wörter vorschreibt. Anstelle
von männlichen Personen- und Berufsbezeichnungen wie "Arbeiter",
"Kunde", "Fußgänger" und "Besucher" solle man neutrale Begriffe wie
"Arbeitende", "Kundschaft", "Passanten" und "Gäste" verwenden.
Ähnliche Bestrebungen kennt man ja bereits von unseren Universitäten,
an denen es laut offizieller Sprachregelung keine Studenten mehr gibt,
sondern nur noch Studierende.
Der Berner Sprachleitfaden geht aber noch weiter. Auch bei
Zusammensetzungen, die einen geschlechtsspezifischen Teil enthalten,
müsse künftig umgedacht werden. Statt "Mitarbeitergespräch" empfiehlt
der Leitfaden "Beurteilungsgespräch" - offenbar voraussetzend, dass es
in Gesprächen mit Mitarbeitern immer um deren Beurteilung gehe. Die
"Einwohnerbefragung" soll nach Willen des Berner Stadtrates künftig
zur "Bevölkerungsbefragung" werden. In Deutschland haben wir ja zum
Glück noch das schöne kompakte Wort "Volksbefragung" oder auch die
"Volkszählung", die zwar nicht unumstritten ist, aber das zumindest
nicht aus genderspezifischen Gründen.

Der "Führerschein" ist in der Amtssprache der Schweiz ein
Führerausweis. Allerdings nicht mehr lange. Denn beim Wort
Führerausweis fragt sich jede(r) klar denkende Bürger/-in schließlich
gleich: Wo bleiben die Ausweise für die Führerinnen? Darum soll es nun
"Fahrausweis" heißen. In der Schweiz mag das funktionieren, in
Deutschland würde es zwangsläufig zu Missverständnissen bei Kontrollen
im öffentlichen Personennahverkehr führen.

Schaffner: "Die Fahrausweise, bitte!"

Schweizer Bahntourist: "Seit wann brauche ich denn einen Fahrausweis,
um mit dem Zug zu fahren?"

Schaffner: "Wollen Sie mich veräppeln? Zeigen Sie mir Ihren
Fahrausweis!" Schweizer: "Ich habe keinen! Warum, glauben Sie, fahre
ich wohl sonst mit dem Zug!"

Schaffner: "Dann muss ich Ihnen den vollen Fahrpreis berechnen!"
Schweizer: "Aber wieso denn? Ich habe doch ein Billett!"

Schaffner: "Das können Sie in der Oper vorzeigen, hier gilt nur der
Fahrausweis!" Schweizer: "Verstehe einer die Deutschen!"

In der DDR sagte man nicht "Führerschein" und auch nicht
"Führerausweis", sondern "Fahrerlaubnis". Dies hatte allerdings
weniger mit Feminismus zu tun als mit der Tatsache, dass man nach 1945
mit dem Wort "Führer" etwas vorsichtiger war. (Da bewies die
DDR-Führung deutlich mehr politisches Taktgefühl als bei der Übernahme
der "Reichsbahn".)

In der Liste der Berner Empfehlungen findet sich unter anderem das
Wort "Zebrastreifen". Dies solle den bisherigen "Fußgängerstreifen"
ersetzen. Da schmunzelt man als Deutscher natürlich gleich, denn die
Vorstellung, dass alle Fußgänger in der Schweiz einen Streifen tragen,
ist amüsant. Hierzulande heißt der Zebrastreifen offiziell
"Fußgängerüberweg", was weniger lustig klingt und sich eher nach einer
Schikane für Ausländer anhört, die Deutsch lernen müssen. Die
Entmannung der Sprache macht aber nicht beim Fußgänger Halt.

Wörter, die das erkennbare Wort "Mann" enthalten, stehen auf der
Berner Abschussliste ganz oben: Aus "Mannschaft" wird "Gruppe" (oder
auch - um mal ein deutsches Wort zu nehmen: "Team"). In die
Verlegenheit, die Fußballnationalmannschaft in "Fußballnationalgruppe"
umbenennen zu müssen, kommen die Schweizer zum Glück nicht, da diese
für sie ohnehin nur die "Nati" ist, was sie "Nazi" aussprechen, was
für uns Deutsche wiederum bisweilend irritierend ist. Da die Berner
Stadtverwaltung ganz bodenständig denkt und sich nicht anschickt, nach
den Sternen zu greifen, brauchte sie sich auch kein Ersatzwort für
"bemannte Raumfahrt" auszudenken. Was wäre dabei herausgekommen?
"Bemenschte Raumfahrt"? Im Unterschied zur behundeten oder beafften
Raumfahrt?

Und was ist in Bern nach neuer Sprachregelung wohl ein "herrenloses"
Fahrrad? "Besitzerlos" kann es auch nicht heißen, denn der Besitzer
ist genauso männlich wie der Herr. Es ist ja nicht einmal ein Fahrrad,
sondern ein "Velo". Richtig kompliziert wird es, wenn es sich bei dem
herrenlosen Fahrrad auch noch um ein Damenfahrrad handelt. Ich möchte
nicht in der Uniform des Schweizer Polizeibeamten stecken, der zu
Protokoll geben muss: "In der Berner Herrengasse - pardon: in der
Berner Gruppengasse wurde heute Vormittag ein kaufkundschaftsloses
Velo für weibliche Verkehrsteilnehmende sichergestellt."

Mit all dem könnte man leben, gingen die Ideen der
Sprachkastrationsbeauftragten nicht noch weiter: Auch die Wörter
"Mutter" und "Vater" seien zu vermeiden, da diese "zu
geschlechtsspezifisch" seien. Anstelle von "Vater" oder "Mutter" solle
man "der Elternteil" oder "das Elter" schreiben. Demnächst wird es in
der Schweiz dann keine Vaterschaftstests mehr geben, sondern
Elterschaftstests. Die Parallele zum Elchtest ist übrigens nicht von
der Hand zu weisen: Schließlich gerät hier der gesunde
Menschenverstand gefährlich ins Schleudern und droht umzukippen.

Ich bin mir nicht sicher, ob man die Sprache verändern muss, wenn man
die Gesellschaft verändern will. Wörter wie "Fußgänger" und "Kunde"
mögen grammatisch männlich sein, aber ihre Bedeutung ist so
geschlechterübergreifend wie "der" Mensch. Wenn ich das Wort "Person"
höre, denke ich auch nicht automatisch an eine Frau, nur weil "die
Person" weiblich ist.

Vielleicht sind die Schweizer in Geschlechterfragen deshalb so
besonders sensibel, weil ihr Land zu den ganz wenigen Ländern zählt,
die einen weiblichen Artikel haben. Deutschland hingegen ist sächlich
und somit - zumindest grammatisch - ebenso neutral wie Österreich.
Wenn die Gender-Diskussion weiter vorangetrieben wird, kommt es
womöglich irgendwann dazu, dass die Schweizer ihre Neutralität auch im
Landesartikel verankert sehen wollen und von oberster Stelle verfügt
wird: Ab sofort heißt es "das Schweiz".

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,716239,00.html#ref=nlzwi

--