Friday, April 2, 2010

Rätoromanisch, Die Sprache Des Herzens

suedostschweiz.ch, 30.3.2010

Rätoromanisch als Muttersprache zu haben bedeutet, sich zuweilen fremd
zu fühlen im eigenen Land. Dies zeigt ein sprachbiografisches
Forschungsprojekt. Es gibt Einblicke in eine kleine, vitale
Sprachgemeinschaft.

Thomas Gull*

«Jessas, wie das tönt, ich verstehe nichts!», schoss es Natalia durch
den Kopf, als sie in der vierten Klasse in ihrer ersten Deutschstunde
sass. Alfred erinnert sich: «Wenn jemand Deutsch sprach, war es klar,
dass man Reissaus nahm.» Doch es gibt kein Entrinnen – weder für
Natalia noch für Alfred noch für alle anderen rätoromanischen Kinder:
Deutsch lernen müssen sie.

Die Sprache ist das Nadelöhr auf dem Weg hinaus in die Welt, sei es
für die Berufsausbildung, die Arbeit, das Studium oder das Militär.
Die einen gehen diesen Weg mehr oder weniger entschlossen und
erfolgreich wie Natalia, die sich dahinterklemmte, auch wenn es nicht
einfach war. Sie ging nach Zürich, um sich als medizinische
Praxisassistentin ausbilden zu lassen, heute lebt und arbeitet sie in
Chur.

Andere wie der Bauer Alfred, dem eine unbehandelte Legasthenie zu
schaffen macht, finden weniger leicht einen unverkrampften Zugang zur
«Brotsprache» der Romanen: «Auch heute muss ich noch Anlauf holen, um
Deutsch zu sprechen, es ist eine Anstrengung, ich schwatze weniger und
auch nicht so fliessend.» Alfred vermeidet in seinem Alltag wann immer
möglich, Deutsch zu sprechen.

Blick in eine andere Welt

Geschichten wie jene von Natalia und Alfred haben Renata Coray und
Barbara Strebel mit ihrem Forschungsprojekt «Rätoromanische
Sprachbiografien. Sprache, Identität und Ideologie in Romanischbünden»
zutage gefördert. Die beiden Sprachforscherinnen realisierten 31
narrative Interviews mit Romanischsprechenden in zwei Dörfern – eines
im Bündner Oberland das andere im Unterengadin.

Das vom Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen des NFP 56 finanzierte
Projekt gibt einen differenzierten und faszinierenden Einblick in den
sprachlichen Alltag der Rätoromanen und ihr sprachliches
Selbstverständnis. Die rätoromanische Welt ist klein: Gesprochen wird
die Sprache noch von einigen Zehntausend Menschen, in der Volkszählung
im Jahr 2000 gaben noch gut 60 000 Personen an, Rätoromanisch sei ihre
Haupt- und/oder Umgangssprache.

Eine Baslerin spricht Sursilvan

Die Rätoromanen sind auch im Kanton Graubünden eine Minderheit. Hinzu
kommt, dass die rätoromanischen Gebiete dünn besiedelt sind und weit
auseinanderliegen: Die Hochburgen des Romanischen liegen in der
Surselva (Bündner Oberland) und im Unterengadin. Die Sprache zerfällt
in fünf Idiome, deren Sprecher sich teilweise nur mit Mühe verstehen.

Renata Coray selbst spricht Sursilvan. Sie ist allerdings nicht in
Graubünden aufgewachsen, sondern im Kanton Baselland. Ihre Eltern
stammten jedoch beide aus dem Bündner Oberland, der Vater aus
Ruschein, die Mutter aus Disentis. Zu Hause im basellandschaftlichen
Tecknau wurde deshalb Rätoromanisch gesprochen und Romanischbünden war
ein Thema am Familientisch. Nach der Matura machte sich Renata Coray
auf, den Herkunftskanton und die Sprache ihrer Eltern besser kennen zu
lernen: Sie besuchte in Chur das rätoromanische Lehrerseminar und
lebte fünf Jahre in Graubünden. Zurück im Unterland studierte Coray
Ethnologie, Rätoromanisch und Journalistik an der Universität
Freiburg.

Solcherart ausgerüstet, rückte sie dem Rätoromanischen mit
wissenschaftlicher Methode zu Leibe: In ihrer Dissertation an der
Universität Zürich «Von der Mumma Romontscha zum Retortenbaby
Rumantsch Grischun» dekonstruierte sie rätoromanische Sprachmythen.
Das NFP-56-Projekt gab ihr dann Gelegenheit, den Puls der
rätoromanischen Basis zu fühlen: «Wir interessierten uns dafür, wie
die Menschen aus nicht akademischen Milieus ihren Alltag als
Romanischsprachige erleben.»

Ein Leben in drei Minuten

Der Weg zu diesem Ziel waren die 31 sprachbiografischen Interviews,
die Coray und Strebel geführt und analysiert haben. Das war sehr
aufwändig. Die beiden Forscherinnen haben je mehrere Monate in einer
Bündner Oberländer beziehungsweise Unterengadiner Gemeinde verbracht,
in der sie die Interviews durchführten. Die Interviews wurden im
jeweiligen romanischen Idiom geführt – Sursilvan und Vallader.

Der biografische Ansatz führt sehr nahe an die Lebenswelt der
Gesprächspartner heran: Zuerst wurden diese aufgefordert, in einer
Stegreiferzählung ihr Leben zu erzählen und dabei Erlebnisse zu
berücksichtigen, die mit der Sprache verknüpft waren. In einer zweiten
Interviewsitzung folgte dann ein offenes Leitfadeninterview, mit
Fragen, die allen gestellt wurden. Wie sich zeigte, kann man sein
Leben lang oder kurz machen: Die längste mündliche Autobiografie
dauerte 152, die kürzeste 3 Minuten.

«Verwurzelte» und «Kommunikative»

Ein Teil der wissenschaftlichen Auswertung war die Entwicklung einer
Typologie der sprachbezogenen Deutungs- und Orientierungsmuster. Die
Interviews wurden integral transkribiert und einer Diskursanalyse
unterzogen.

Diese erlaubte, die unterschiedlichen Sprachbiografien in fünf
Idealtypen sprachlicher Identifikationsmuster zu unterteilen: in
«Verwurzelte» – Alfred ist einer von ihnen –, die das Rätoromanische
als wesentlichen Teil der eigenen Persönlichkeit definieren, in
«Kommunikative», zu denen Natalia zählt, die primär den Vorteil der
rätoromanischen Erstsprache als Türöffner für den Erwerb anderer
Sprachen sehen, in «Aufstiegs- und Berufsorientierte», deren Interesse
an Sprache vor allem dem sozialen Aufstieg dient, in «Pragmatiker»,
die das Romanische als alltäglichen, wenig spektakulären Teil ihres
Lebens betrachten, und in «nicht sprachlich Orientierte», deren
Selbstbild überhaupt nicht auf dem Rätoromanischen aufbaut.

Die grösste Gruppe ist jene der Kommunikativen (10 Personen), gefolgt
von den Verwurzelten (9) und den Pragmatikern (8), seltener sind die
Berufs- und Aufstiegsorientierten (1) und die nicht sprachlich
Orientierten (2). Wie die Auswertung zeigt, haben viele Romanen eine
sehr enge Beziehung zu ihrer Sprache und oft ein belastetes Verhältnis
zum Deutschen. Dazu trägt auch die Diglossie Schweizerdeutsch-
Hochdeutsch bei, für viele Romanen beim Deutscherwerb «ein Murks», wie
Coray festgestellt hat.

Zu den Grunderfahrungen aus der Kindheit vieler Romanen gehört
Deutschsprachige nicht zu verstehen. Einige sind später auch wegen
ihres akzentgefärbten und teilweise fehlerhaften Deutsch ausgelacht
worden. Positiver sind ihre Erinnerungen an Begegnungen mit anderen
romanischen Sprachen und deren Sprechern. Eine Interviewte drückt das
so aus: «Das Romanisch ist die Sprache des Herzens, das Deutsche
brauchen wir, um zu überleben und die anderen Sprachen sind für das
Vergnügen.»

Ungeliebtes Rumantsch Grischun

Eine sprachpolitisch wichtige Beobachtung ist, dass das «überregionale
romanische Wir- Bewusstsein» bei der rätoromanischen Basis – im
Gegensatz zur «Elite» – nur schwach entwickelt ist. Die Romanen
identifizieren sich in erster Linie mit dem eigenen Dorf und dem
Dorfdialekt, dem Tal, dem eigenen Idiom und dem Kanton Graubünden und
weniger mit der gesamtromanischen Sprachgruppe.

Das spiegelt sich auch in der Akzeptanz der gemeinsamen Schriftsprache
«aus der Retorte», dem Rumantsch Grischun, das bei einigen der
Befragten auf massiven Widerstand stösst. Dies hängt auch damit
zusammen, dass es nicht ohne eine gewisse Anstrengung und Gewöhnung
verständlich ist. Interessanterweise geben 19 der 31 Befragten nicht
Rätoromanisch, sondern Deutsch als bevorzugte Lesesprache an.

Das NFP-Projekt ist abgeschlossen, der rund 20-seitige Schlussbericht
mit Zahlen und Fakten liegt vor, die wichtigsten Ergebnisse sind
publiziert. Doch das Spannendste des Projektes wartet noch auf die
Veröffentlichung: Die Geschichten von Natalia, Alfred und weiteren der
31 befragten Rätoromanninen und Rätoromanen. Sie sollen Ende dieses
Jahres publiziert werden.

*Thomas Gull ist Redaktor des «unimagazin». Quelle: Universität
Zürich, UZH News, 30. März 2010.

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