Wednesday, August 5, 2009

Hierarchische Sprache tötet

"Die Korean Air erlitt in den 1990er Jahren so viele Abstürze, dass Kanada erwog, sie aus seinem Luftraum auszusperren, und die USA ihren Soldaten verboten, mit der Fluggesellschaft zu fliegen. Warum stürzten so viele koreanische Piloten ab, obwohl sie ihren Kollegen bei anderen Fluggesellschaften fachlich in nichts nachstanden? Die Antwort kam von unerwarteter Seite. In den 1970er Jahren war der niederländische Psychologe Geert Hofstede um die Welt gereist und hatte Menschen befragt, wie sie mit anderen zusammenarbeiteten und wie sie zu Autoritäten standen. Er stiess dabei auf grosse kulturelle Unterschiede, die er in einer Rangliste der «Machtdistanz» festhielt. Sie zeigt zum Beispiel, dass das Gefälle zwischen Chef und Untergebenem in Dänemark viel geringer ist als in Kolumbien. Als die Studie mit Piloten wiederholt wurde, landeten die Länder mit vielen Flug­unfällen an der Spitze der Liste – Südkorea auf Platz zwei. Eine der wirkungsvollsten Gegenmassnahmen war einfach: Im Jahr 2000 wurde im Cockpit aller Korean-Air-Maschinen das Englische als Umgangssprache vorgeschrieben – so befreite man die Piloten von den vielen feinen Abstufungen der Hierarchie, die sich in den Höflichkeitsformen der koreanischen Sprache verfestigt haben.

Um die Machtdistanz zu verringern, pflegt die Swiss das «Speak-up-Cockpit»: Die Co-Piloten werden dazu aufgefordert, mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg zu halten, sich nicht als Untergebene und blosse Befehlsempfänger zu sehen. In den neusten Studien zur Machtdistanz beim Flugpersonal liegt die Schweiz im Mittelfeld, am kleinsten ist sie in Irland und Dänemark, am grössten auf den Philippinen und in Marokko. Korean Air hat sich um mehrere Plätze verbessert...."

NZZ Folio, August 2009, S. 48

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