Monday, August 3, 2009

Heimweh


Die Schweizer Krankheit

Der Bund
, 24.07.09

Der Heerführer Ludwig Pfyffer, der Schweizer Söldner in der Schlacht bei Jarnac führte, schrieb 1569 in einem Brief über den Tod eines Soldaten: «. . . der Sunnenberg gestorben von heimwe . . .» Pfyffer fand es nur am Rande erwähnenswert, dass besagter Sunnenberg ausserdem verwundet gewesen war. Heimweh galt als tödliche Krankheit. In der Schweiz tauchte der Begriff «Heimweh» im 16. Jahrhundert auf und gehörte zum Volkswissen.

Der Mediziner Johannes Hofer aus Basel beschrieb das Heimweh 1688 in seiner Dissertation erstmals wissenschaftlich als eine Krankheit. Er führte den Begriff «Nostalgia» ein, der auch heute noch als medizinischer Fachterminus für Heimweh verwendet wird. Auch die Bezeichnung «Schweizer Krankheit» ist seither in Europa gebräuchlich. Hofer erklärte die schwere Gemütslage von Soldaten oder Reisenden fernab der Heimat organisch: Durch das ständige Denken ans Vaterland sei die Lebensenergie, die durch Nervenröhren zwischen Körper und Gehirn fliesse, erschöpft.

Auch der Zürcher Universalgelehrte Johann Scheuchzer ging von einer physischen Ursache für das Heimweh aus. Er konnte 1716 mit seiner These sogar begründen, warum ausgerechnet die Schweizer so sehr darunter litten: Es liege an der Beschaffenheit der hiesigen Luft. Reisten Bergbewohner beispielsweise in die Niederlande, so bestehe die Gefahr, dass die gröbere, stärker drückende Meeresluft sie in höchst gefährliches Fieber stürze. Die Luft der niederen Regionen drücke die kleinsten Blutgefässe zusammen, sodass die Säfte im Kreislauf nicht mehr ausreichend zirkulieren könnten.

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts setzte sich die bis heute anerkannte Sichtweise durch, dass es sich beim Heimweh um ein psychologisches Phänomen handelt. Doch selbst heute gilt Heimweh – zumindest noch im Sprachgebrauch – als Krankheit. Auf Englisch heisst es «homesickness», auf Französisch «mal du pays».

Mehr zum Thema hier: Wieso will der Mensch nach Hause?