Saturday, May 30, 2009

Wissen und Nichtwissen

Aus diesem Artikel von John Banville in der NZZ über die Kindesmisshandlungen in irischen Anstalten und Heimen:

"Wissen und Nichtwissen

Im lauten Stimmengewirr, das sich nach den schrecklichen Enthüllungen erhob, habe ich bis jetzt niemanden fragen gehört, was denn «Wissen» unter den gegebenen Umständen genau bedeutet hätte. Menschen – überall, nicht bloss in Irland – haben eine bemerkenswerte Fähigkeit, sich zwischen einer beliebigen Anzahl von Widersprüchen zu arrangieren. Vollkommen anständige Leute können um eine Sache wissen und sie gleichzeitig nicht wissen. Denken Sie an die Türkei und das Schicksal der Armenier zu Beginn des 20. Jahrhunderts, denken Sie an Deutschland und die Juden um 1940, denken Sie an Bosnien und Rwanda in unserer eigenen Zeit.

Zwischen 1930 und den späten neunziger Jahren war Irland ein geschlossener Staat, beherrscht – das Wort ist nicht übertrieben – von einer allmächtigen katholischen Kirche, der sich die Politiker und die Bevölkerung, mit wenigen noblen Ausnahmen, willfährig andienten. Die Lehre von der Ursünde war uns in Fleisch und Blut eingegangen, und vom Protestantismus hatten wir uns das Konzept von den Auserwählten und den Verdammten ausgeborgt. Wenn Kinder in Waisenheime, staatliche Gewerbeschulen und Besserungsanstalten eingewiesen wurden, dann geschah das, weil es ihnen so bestimmt war und sie dorthin gehörten. Was hinter den Mauern mit ihnen passierte, ging uns nichts an.

Wir wussten, und wir wussten nicht. Das ist die Schande, die wir heute tragen müssen."

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