Monday, March 2, 2009

Autist und Sprachgenie

Der Spiegel, 02. März 2009

AUTIST UND SPRACHGENIE

"Apfel - dieses Wort ist für mich rot"

Eine Woche Übung - mehr Zeit braucht Daniel Tammet nicht, um dank
einer speziellen Technik eine Fremdsprache zu beherrschen. Im
Interview mit SPIEGEL ONLINE schwärmt der 30-Jährige Autist von der
Eleganz der deutschen Sprache und verrät, wie sein Talent
funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Am Montagabend werden Sie in der Talkshow "Beckmann"
der ARD auftreten und über ihr Leben und ihr neues Buch sprechen*.
Dafür haben Sie in der vergangenen Woche mit nur wenigen
Vorkenntnissen fast perfektes Deutsch gelernt. Wie geht das?

Tammet: Ich hatte einen Sprachcoach an meiner Seite, der mir geholfen
hat. Morgens haben wir zwei Stunden gelesen. Später sind wir durch die
Stadt gelaufen, sind zum Beispiel ins Museum gegangen und haben uns
einfach nur auf Deutsch unterhalten. Es ist sehr wichtig, beim Lernen
keinen Stress zu haben. Mit Stress wird das Lernen sehr schwierig. Das
Gehirn braucht Zeit, über das nachzudenken, was es gelernt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie lernen extrem schnell. Isländisch haben Sie vor
einigen Jahren in nur einer einzigen Woche gelernt - ohne vorher
jemals etwas mit der Sprache zu tun gehabt zu haben. Was machen Sie
anders als andere Menschen?

Tammet: Die meisten Menschen halten fremde Sprachen für etwas
Mysteriöses, Beängstigendes. Sie tun so, als wären Sprachen etwas
Künstliches und lernen Listen von Wörtern und Konjugationen, nach dem
Motto "ich bin, du bist, er ist". So kommt man nicht wirklich voran.
Ich lerne eine fremde Sprache intuitiv, so ähnlich wie es Kinder tun.
Ich versuche, ein Gefühl für die jeweilige Sprache zu entwickeln und
Muster zu erkennen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Kleine runde Dinge
fangen in Deutsch häufig mit "Kn" an, Knoblauch, Knopf, Knospe. "Str"
wiederum beschreibt lange, dünne Dinge, Strand, Strumpf, Strahlen.
Diese Muster gibt es in allen Sprachen. Wenn man sie erkennt, bekommt
man ein Gefühl dafür, wie eine Sprache funktioniert, und kann sie
leichter lernen.

SPIEGEL ONLINE: Auf die Idee, Worte nach Formen zu sortieren, wären
wir als Muttersprachler allerdings nie gekommen.

Tammet: Heute vielleicht nicht. Aber ich glaube, dass Sie Deutsch, als
Sie jung waren, unbewusst genau auf diese Weise gelernt haben. Jeder,
der als Kind seine erste Sprache lernt, denkt auf diese Weise. Wenn
man später im Leben eine Sprache lernt, ist der Zugang dann allerdings
ein anderer. Das Gehirn hat sich verändert. Plötzlich hält man fremde
Sprachen für merkwürdig. Aber sie sind es nicht. Jede Sprache ist
logisch, weil sie von menschlichen Gehirnen erdacht wurde. Es ist also
vollkommen natürlich, nach der Logik einer Sprache zu suchen und diese
Logik für das Lernen zu nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Ganz konkret, wie fangen Sie an?

Tammet: Am Anfang lese ich vor allem Kinderbücher. Die sind einfach,
haben Bilder und machen Spaß. Sie bringen mich zum Lachen. Danach lese
ich Magazine, Zeitungen und Bücher für Erwachsene. Wichtig ist, dass
mich die Texte interessieren. Sie dürfen nicht langweilig sein. Dann
suche ich mir jemanden, der die Sprache spricht. Mit dem rede ich dann
einfach den ganzen Tag.

SPIEGEL ONLINE: Das kann aber nicht das ganze Geheimnis Ihres Talents sein.

Tammet: Nein. Vor allem hilft mir, dass Regionen in meinem Gehirn auf
ungewöhnliche Art miteinander verschaltet sind. Die meisten Menschen
denken in isolierten Kategorien. Bei mir jedoch ist alles vernetzt.
Wenn ich über Worte nachdenke, nutze ich Informationen aus allen
Teilen meines Gehirns. Gefühle, Farben und Formen verbinden sich mit
den Worten. Synästhesie lautet der Fachbegriff für diese Fähigkeit.
Sie hilft mir, sehr schnell zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie uns ein paar farbige Wörter nennen?

Tammet: Da ist zum Beispiel das Wort "Gras". Mir gefällt daran, dass
der erste Buchstabe genau zum Gegenstand passt. Wörter mit "G" sind
für mich nämlich grün. Oder Apfel: Dieses Wort wirkt auf mich rot. Das
ist sehr hilfreich, weil Äpfel auch häufig rot sind. Solche
Zusammenhänge helfen mir, mich gut zu erinnern. In fremden Sprachen
bin ich immerfort auf der Suche nach interessanten Phrasen, Mustern
und Zusammenhängen. Ich starte mit einem Wort, zum Beispiel "Hand",
und bin dann gleich bei "Handy" und "Handel". Oder ich suche nach
Verbindungen zwischen verschiedenen Sprachen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Muster, die alle Sprachen gemein haben?

Tammet: Ja, zum Beispiel der i-Klang für kleine Dinge: "Tiny" und
"little" im Englischen, "petite" im Französischen, im Deutschen
"klein". Zudem sind Wörter, die gebräuchlicher sind, häufig kürzer.
"Socke" zum Beispiel ist ein kurzes Wort. Wir ziehen sie täglich an.
Sandalen dagegen benutzen wir seltener. Und siehe da: das Wort hat
drei Silben. Ähnlich ist es bei Tieren. Der Hund hat nur eine Silbe.
Er ist ja auch ausgesprochen häufig. Das Wort "Elefant" dagegen ist
länger. Zumindest in dieser Weltregion ist er auch seltener als der
Hund.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch benutzen Sie das Wort Liebe, um Ihr
Verhältnis zu Sprache zu beschreiben. Was raten Sie anderen Menschen,
die sich eine ähnliche Leichtigkeit im Umgang mit Worten oder auch
Zahlen wünschen?

Tammet: Sie sollten sich beim Lernen wieder mehr auf ihre Intuition
verlassen. Ich glaube, dass alle Menschen mit einem Gefühl für Zahlen
und Sprache geboren werden. Leider verlieren die meisten Leute dieses
Gefühl schon als junge Menschen wieder, zum Teil, weil unser Gehirn
sich sehr früh im Leben verändert, zum Teil aber auch, weil die
Schulen schlecht sind. Gerade Sprachunterricht ist häufig
ausgesprochen langweilig. Kein Wunder, dass die Kinder dabei kaum
etwas lernen. Sie kommen nicht voran und denken dann, dass sie dumm
sind. Dabei sollten sie sich beim lernen amüsieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Freude bereitet Ihnen denn die deutsche Sprache?

Tammet: Ich mag Deutsch. Ich mag zum Beispiel, wie man Wörter
zusammensetzen kann. So ein zusammengesetztes Wort muss man sich nur
einmal anschauen, und schon kann man ahnen, was es bedeutet. Außerdem
mag ich den Klang von Deutsch. Viele Leute sagen, dass Deutsch sehr
viele harte Klänge hat. Das stimmt. Aber ich finde, dass die Sprache
auch sehr poetisch ist, transparent und elegant. Es ist die Sprache
von Goethe. Sie muss gut sein.

SPIEGEL ONLINE: Spiegelt sie den Charakter der Deutschen wider?

Tammet: Möglicherweise. Deutsch ist ein bisschen wie ein sehr
sauberer, aufgeräumter Raum mit perfekt rechtwinkligen Ecken, nicht so
unaufgeräumt wie beispielsweise Englisch. Englisch ist ein großer
Schlamassel mit sehr vielen und komplexen Wörtern. Deutsch ist ganz
geradeaus und hat einige sehr schöne Wörter. Nehmen Sie zum Beispiel
"bisschen" oder "Löffelchen". Ich mag dieses angefügte "chen". Oder
"strahlen", ein wunderbares Wort.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie eigentlich auch noch selbst über Ihre
Fähigkeiten staunen?

Tammet: Ja, ich bin mir meiner Begabungen sehr bewusst. Wichtig ist
mir jedoch, dass die Leute meine Fähigkeiten nicht als etwas
Übernatürliches ansehen sondern als Teil des natürlichen menschlichen
Spektrums. Es gibt Sportler, die können sehr schnell über 100 Meter
sprinten. Niemand würde behaupten, dass sie magische Beine haben.
Vielmehr sagen wir, dass sie mit günstigen biologischen
Voraussetzungen geboren worden sind, dass sie hart trainieren, dass
sie Selbstvertrauen und Zielstrebigkeit haben und ihren Sport lieben.
Alle diese Fähigkeiten zusammen ergeben ihre physische Überlegenheit.
Intellektueller Genius lässt sich genauso erklären. Im Übrigen glaube
ich, dass jeder besondere Fähigkeiten und Talente hat. Ich hoffe, dass
meine Erfahrungen den Leuten helfen können, ihre eigenen Talente zu
entdecken und zu fördern. Jeder kann seinen Verstand trainieren. Und
Spaß macht es auch noch.

* Sendetermin bei "Beckmann": Montag, 2.3.2009, 22.45 Uhr, ARD

Das Interview führte Philip Bethge

URL:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,610651,00.html