Tuesday, February 10, 2009

Es muss anders klingen, aber nicht falsch

Im Raum zwischen den Sprachen
Badische Zeitung, 10.02.2009

Beate Thill spricht von einem "Glücksfall". Als Jean-Marie Gustave Le Clézio im Oktober 2008 den Literatur-Nobelpreis erhielt, hatte sie ihre Übersetzung von "Raga – Besuch auf einem unsichtbaren Kontinent" für den Heidelberger Kleinverlag Das Wunderhorn abgeschlossen. Der Verlag reagierte schnell und brachte das Buch in einer fast bibliophilen Edition schon im November heraus. In "Raga" – die französische Originalausgabe erschien 2006 in Paris – beschwört Le Clézio in einer betörend poetischen Sprache die Inselwelten Ozeaniens, ihre Mythen und ihre koloniale Geschichte, ihre Mysterien und ihre ökonomischen Traditionen, ihre Phantasmen und ihre Traumata. Innerhalb der vom Freiburger Literaturbüro und dem Centre Culturel Français veranstalteten Reihe "Sprechen über Sprache" stellt Beate Thill das Buch heute im Freiburger Alten Wiehrebahnhof ins Zentrum ihres Nachdenkens über einen Autor, der in Frankreich "ein Bestsellerautor", in Deutschland aber eine vergleichsweise unbekannte Größe ist.

Auch wenn Le Clézio französisch schreibt, ist er für Beate Thill eher ein frankophoner als ein französischer Autor; von der Insel Mauritius, östlich von Madagaskar, stammend, ist Le Clézio in verschiedenen Kulturen und auf verschiedenen Kontinenten aufgewachsen. Sein Französisch, oft "stark stilisiert", rhythmisch gestaut, von Refrains und mündlich überlieferten Traditionen bestimmt, gelegentlich syntaktisch regelrecht "zerhackt", ist kein autochthones, gleichsam originales Französisch, sondern ein kulturell vielfach vermitteltes, im genauen Wortsinn gebrochenes, mehrfach sprachgefiltertes Idiom. Er bewegt sich so "an den Rändern der französischen Sprache", ähnlich wie Édouard Glissant und die Algerierin Assia Djebar, die Beate Thill beide ins Deutsche übersetzt hat.

"Man kann nicht übersetzen, was man sich nicht vorstellen kann": Dies ist für Beate Thill Prämisse und zugleich Fazit ihrer Arbeit. Einen frankophonen Autor, wie sie ihn versteht – also einen Autor, der in seinem Sprachgestus immer auch eine fremde, eine "Ursprungskultur" ins Französische überführt – kann sie nicht übersetzen wie einen französischen Autor im klassischen Sinn. Das Deutsch, das einem Le Clézio gerecht zu werden versucht, muss die Fremdheit von Bildern und Metaphern, "die in unserer Realität nicht vorkommen", gleichwohl sprachlich fixieren und bannen: "Im Deutschen muss es auch anders klingen, aber nicht falsch".

Beate Thill hat sich als Übersetzerin vor allem von Belletristik aus dem Französischen und Englischen einen Namen gemacht; wenn sie sagt: "Übersetzen ist hauptsächlich eine Arbeit im Deutschen", so bestimmt sie damit einen aus der Praxis gewonnenen Erfahrungswert. Und zugleich ist angedeutet, warum – entgegen der gängigen Überzeugung – Wörterbücher und Lexika in diesem Geschäft oft nur unzureichend Hilfestellung bieten.

Kaum zu glauben, dass sie einen derart verdichteten und komplexen Text wie "Raga" in gerade mal fünf Wochen übersetzt hat. In der Regel entsteht zuerst eine Rohübersetzung von Hand – sie braucht die Schreibhand, die Schreibbewegung, um Sprache entstehen zu lassen, zunächst auf dem Papier – und nicht am Bildschirm. Aus der Rohübersetzung destilliert sie, die sich in der Tradition des großen Beckett-Übersetzers Elmar Tophoven als Verfechterin eines "wörtlichen Übersetzens" beschreibt, eine endgültige Version, die das Lektorat des Verlags dann seinerseits noch einmal Satz um Satz, Wort um Wort, mit der Originalfassung vergleicht. Es sind nach ihrer Erfahrung gerade nicht die Großen der Branche, sondern eher die Kleinverlage, die bei diesem Prozedere Sorgfalt, ja philologische Akribie walten lassen.

Kultur und Differenz, Mutterland und Kolonie, Herr und Knecht, Kapitale und Peripherie, Schriftlichkeit und mündliche Überlieferung, Fremdsprache und fremde Sprache – dies alles sind Begriffspaare, die das Arbeitsfeld, den Aktionsradius einer Übersetzerin bestimmen, die, wie Beate Thill, wichtige Erfahrungen in der "Dritte-Welt-Arbeit" gewonnen hat. Wenn der Eindruck nicht völlig täuscht, hat sie mit ihrer Übertragung von "Raga" eine maximale Herausforderung gemeistert, offenkundig in bravouröser Manier, indem es ihr gelingt, die nervös vibrierende, atmende, mal assoziativ mäandernde, mal analytisch argumentierende, immer enorm geschmeidige und zwischen Zartheit und Härte peilende Sprache der Vorlage im Deutschen abzubilden. Sie trifft einen Ton, der eigentlich kaum zu treffen ist. Und löst damit ein, was sie mit Verweis auf Édouard Glissant so formuliert: "Der Übersetzer sucht einen Raum zwischen den beiden Sprachen." Diesen Zwischen-Raum gilt es zu finden und sprachlich zu besetzen – Buch um Buch.

– "Sprechen über Sprache": Beate Thill über Jean-Marie Gustave Le Clézio, heute um 20 Uhr in der Galerie des Alten Wiehrebahnhofs, Freiburg, Urachstraße 40. Tel. 0761/ 28 99 89.