Thursday, November 27, 2008

Sprachverfall gibt es nicht

Wolfgang Hömig-Groß im Bremer Sprachblog über „Du Jane, ich Goethe" von Guy Deutscher

"Was hat mich nun an diesem Buch so beeindruckt? Es hat mich endgültig dazu gebracht zu glauben, dass es so etwas wie Sprachverfall nicht gibt. Dass Sprache nicht still steht, nicht still stehen kann, darf nicht als Verfall, sondern muss als Entwicklung begriffen werden. Sie führt etwa dazu, dass in nur 15 Generationen eine Sprache wie das Deutsche sich derart verwandelt hat, dass wir heute, begegneten wir einem Deutschen aus dem 15. Jahrhundert, ihn kaum noch verstehen würden. Der Effizienzdruck unter dem die Sprecher stehen, der Drang
nach neuen, klaren, unmissverständlichen Ausdrücken und das nach gusto erfolgende Bedienen an den Wörtern und Strukturen anderer Sprachen — ja sogar eigentlich fehlerhafte, sprachgestaltende Analogiebildungen innerhalb der eigenen Sprache – sind Prozesse von einer Gewalt, wie man sie ansonsten bei der Auffaltung und Abtragung von Gebirgen beobachten kann. Und ein Wanderer auf diesem Berge, der sich die Faltungen verbittet, weil doch alles so bleiben möge wie es ist, verkennt seine Position.

Das Buch verschafft mir sehr viel mehr Vertrauen, dass der „Verfall" nicht wahllos ist, sondern in Wirklichkeit eine zutiefst kreative und notwendige Anpassung der Sprache an die von ihren Sprechern gewünschten Ausdrucksmöglichkeiten darstellt. In diesem Lichte betrachtet führt keine einzige der laut beklagten sprachlichen Degenerationen – etwa Anglizismen – tatsächlich zu einer Verengung der Ausdrucksmöglichkeiten; das erledigen in Wahrheit die wohlmeinenden Kritiker, die taub für mit diesen neuen Wörtern eingeführte Bedeutungsverschiebungen oder -erweiterungen sind.

Zudem habe ich den Eindruck, mit Deutschers Buch einen tiefen Blick in die Seele der Sprachbewahrer getan zu haben: Der Versuch, Sprache gegen alle Vernunft und alle Anderen in der als richtig erlernten Form zu bewahren, muss der von Logik und dem Verständnis für die eigentlichen Prozesse unberührte Wunsch nach Beständigkeit in einem wesentlichen Lebensbereich sein, nach den goldenen Tagen der Kindheit, als das Obst noch gut schmeckte, der Himmel noch richtig blau war und der Kaiser noch einen Bart hatte. Und als, zum Beispiel, eben Kontrahenten noch Vertragspartner waren und keine Gegner – dochdoch, so war das in meiner Jugend!"