Tuesday, October 7, 2008

Bürokratie

Klaus Bartels in der NZZ über den Ursprung und die Geschichte des Wortes Bürokratie:

Die Wortgeschichte der «Bürokratie» beginnt so unbürokratisch wie möglich: mit einem abgeschmetterten Heiratsantrag. In Versen, die ein Pariser Kodex des 9. Jahrhunderts aus der Spätantike überliefert, empört sich eine feine Eucheria über das Liebeswerben eines groben «Bauernsklaven» mit einem drastischen Vergleich: Geradeso gut könne sich die «horribilis burra», das «haarsträubende Wolltuch», mit dem königlichen Purpur vermählen. Ein struppiger, zottiger, kratziger, garstiger Umhang muss das gewesen sein, und dazu passt ein zweiter Beleg des seltenen lateinischen Wortes bei dem spätantiken Rhetor und Dichter Ausonius: Da begegnen derlei burrae in einer Reihe mit quisquiliae, «Quisquilien», und anderen Kinkerlitzchen in übertragener Bedeutung als gleichgültige, belanglose «Lumpereien».

Dieser grob gesponnenen, grob gewobenen burra ist nicht an Spindel und Webstuhl gesungen worden, dass sie einmal zum flatternden Fahnentuch einer weltweit grossmächtigen «Bürokratie» aufsteigen sollte. Ihr unwahrscheinlicher Aufstieg führte über die Kanzleien des Frankenreichs. Die im klassischen Latein noch nicht bezeugte, wohl aus dem Keltischen ins volkstümliche gallische Latein übernommene burra ist über die Missing Links einer bura und einer burella ins Altfranzösische übergegangen; dort erscheint diese burra im 12. Jahrhundert in der Lautgestalt einer bure oder burel und vorderhand noch in der Bedeutung eines strapazierfähigen braunen Wollstoffs oder einer wind- und wetterfesten schlichten Mönchskutte. Aber in der Hinterhand hatte diese bure oder burel noch zwei, drei Karrieresprünge.

Zu denen kam es nicht im Kloster, sondern in der Kanzlei. In einem ersten Bedeutungssprung übertrug sich die Bezeichnung des grünen Tuchs, mit dem die Arbeitsfläche des Schreibtischs bespannt war, auf den ganzen Schreibtisch, den seither nicht nur so bespannten, sondern danach auch benannten bureau. Von diesem bureau, auf dem «am grünen Tisch» entschieden und geschrieben wurde, übertrug sich die Bedeutung des Wortes weiter auf die ganze Kanzlei, auf das ganze bureau im Sinne unseres mittlerweile deutsch geschriebenen «Büros». Und in einem dritten Sprung gab dieses «Büro» mit seinen filzbespannten Arbeitsflächen und darüber hin schleifenden Ärmelschonern schliesslich den Namen ab für das ganze penible Regime unter dem Zeichen der burra, die frankogriechische bureaucratie oder bei uns die «Bürokratie». Als Urheber der zukunftsträchtigen Wortprägung zeichnet der französische Ökonom Vincent de Gournay (1712–1759) – dies stilgerecht, versteht sich, an einem leicht verspielten bureau seiner Zeit, original Louis quinze.

Die «Bürokratie» parodiert die klassische griechische aristokratía, die «Herrschaft der Besten», wie auch die demokratía, die «Herrschaft des Volkes»; und sie ist selbst wieder zum Muster geworden für allerlei jüngere «-kratien» wie die «Technokratie», die «Herrschaft der Experten». In Vincent de Gournays Kuppelwort hat sich jene «haarsträubende burra » zwar nicht mit dem königlichen Purpur, aber doch immerhin mit der ehrwürdigen -kratia der Aristokraten verkuppelt; und in der Gestalt des legendären heiligen Bürokratius ist die schlichte schafwollbraune Mönchskutte am Ende noch zu einem goldglänzenden Heiligenschein gekommen. Wenn das so ist: Hat dann vielleicht auch jener grobschlächtige «Bauernsklave» von seiner feinen, stolzen Eucheria zu guter Letzt doch noch sein Jawort bekommen?

Klaus Bartels, Neue Zürcher Zeitung